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Frühlings-Tagung 1999 der Schülerakademie Mathematik in Römhild

Die erste von zwei jährlichen SAM-Tagungen, von den Teilnehmern liebevoll „Mathe-Lager” genannt, fand dieses Jahr im südthüringischen Römhild statt. Für viele mathematisch interessierte Schüler ist diese Veranstaltung schon längst zur Tradition geworden, und so nahmen auch dieses Mal wieder 31 Jugendliche von Schulen aus ganz Ostthüringen unter der Obhut von 8 betreuenden Studenten teil.

Das beschauliche kleine Gastgeberörtchen, das bei nur knapp über 2000 Einwohnern den stolzen Titel 'Stadt' trägt, schien anfangs recht ungeeignet, denn ein so ruhiger Platz am Rande der Zivilisation konnte unmöglich das bieten, was junge Menschen von einem Ferienlager erwarten: viel Spaß, am besten laut und hektisch inszeniert. Doch es stellte sich heraus, daß die ruhigere, streßfreie Atmosphäre den meisten Anwesenden eine wesentlich größere Erholung brachte, wozu Ferien ja vorrangig genutzt werden sollten. Damit aber in der Ruhe keiner seinen Kopf vollständig vergaß, war – wie immer – für genügend Beschäftigung der grauen Zellen gesorgt: täglich wurden die Schüler, nach Klassenstufen getrennt, vier Schulstunden lang durch die (größtenteils Mathematik studierenden und somit bestens informierten) Betreuer in vielfältigen mathematischen Themen unterrichtet. Die Palette reichte von vollständiger Induktion bis hin zu Raumdrehungen mit Hilfe von Quaternionen.

Dieser wichtige Bestandteil der Tagung, die schließlich der Förderung mathematisch Begabter dienen soll, ist erfahrungsgemäß auch der umstrittenste. Denn viele empfinden es als unzumutbare Belastung, sich während der Ferien genauso geistig verausgaben zu müssen wie das ganze Jahr über in der Schule. Ihnen kann natürlich mit Fug und Recht entgegengehalten werden, daß der Besuch des Lagers auf freiwilliger Basis stattfindet und daß jeder Teilnehmer ein gewisses Interesse an der dargebotenen mathematischen Fortbildung mitbringen sollte. Zudem möchte ich jedem ans Herz legen, dem Unterricht nicht von vornherein mit ablehnender Haltung zu begegnen, denn in diesem Fall hat das Mathe-Lager wirklich wenig Sinn. Vielmehr sollte bedacht werden, daß die Mathe-Stunden selbst dann nützlich sein können, wenn man sich für die (durchaus streitbaren) hochmathematischen Inhalte kaum interessiert: man lernt, die Gedankengänge anderer zu verfolgen und sich aus dem Gehörten selbstständig ein Bild im Kopf zu machen sowie die komplexen Zusammenhänge zu verstehen. In der Schule wird in diesem Kontext gerne von „Studierfähigkeit” geredet – eine für das Studium unbedingt notwendige Voraussetzung.

Im Gegensatz zu den vorhergehenden Tagungen standen dieses Mal sogar echte Unterrichtsräume zur Verfügung, die uns die ortsansässige Schule freundlicherweise überließ. Ein Manko gab es allerdings: die Jugendherberge lag ungefähr zwei Kilometer von Römhild, an dessen „Stadtrand” sich die Schule befand, entfernt. Das bedeutete für uns, jeden Morgen wirklich sehr früh aufstehen zu müssen.

Zur Beruhigung derer, die sich nach dem bisher Gelesenen komplett dagegen sträuben, einen Besuch des Mathe-Lagers auch nur in Erwägung zu ziehen, möchte ich an dieser Stelle bemerken: das eben Geschilderte ist natürlich nicht das, was die sieben Tage maßgeblich bestimmt hat! Vielmehr waren dies die Aktionen und Aktivitäten, die außerhalb des „Pflichtprogramms” standen. Denn dafür waren die Anlagen des Jugendzentrums geradezu prädestiniert. Alle denkbaren Variationen von Sport wurden zelebriert; neben Volleyball, Fußball und Tischtennis, die so großen Zuspruch fanden, daß teilweise „in Staffeln” gespielt werden mußte (der Spielplatz reichte nicht aus), gab es auch einige wenige Extremsportler, die sich mehrmals einem Ausdauer-Jogging durch die schöne ländliche Gegend aussetzten. Leider konnten die angesetzten traditionellen Volleyball- und Tischtennis-Turniere nicht zu Ende geführt werden, da die Zeit dafür einfach nicht zur Verfügung stand. Aber nächsten Sommer wird dies garantiert nachgeholt. Zur Freude aller stand ab Mitte der Woche sogar das Wetter hundertprozentig auf unserer Seite, so daß nach den sieben Tagen einzelne Teilnehmer tatsächlich über Sonnenbrand klagten – im April an sich sehr ungewöhnlich.

Und wenn man von körperlicher Ertüchtigung genug hatte oder einmal von Muskelkater und schweren Beinen geplagt wurde, ging es einfach innerhalb der vier Wände der Herberge ein wenig ruhiger weiter: Karten- und Brettspiele, die Kunst des Origami-Faltens und selbstmitgebrachte Musikinstrumente in Verbindung mit zahlreichen Liederbüchern sorgten für ausreichend Abwechslung und Unterhaltung.

Die Betreuer und Organisatoren trugen nach bestem Wissen und Gewissen ihren Teil dazu bei, daß Langeweile nie aufkommen konnte: freigiebig wurden leckere Eisbecher spendiert, und passend zu Ostern gab es sogar Schokoladenhasen, die allerdings erst in einer nächtlichen Schnitzeljagd von uns aufgespürt werden mußten.

Diese Zusatzmahlzeiten kamen vielen Schülern gelegen, denn die Versorgung in der Herberge war zugegeben nicht besonders reichlich. Des öfteren kam es während des Abendbrotes zu wahren Essensschlachten um die einzige Fischkonserve im Raum. Wollte man zusätzlich etwas Eßbares käuflich erstehen, so begab man sich entweder auf eine Wanderung zum kleinen Supermarkt in der Stadt, oder man wandte sich an den jugendherbergseigenen Kiosk, der jedoch die meiste Zeit über geschlossen hatte. Eine Entschädigung für diese kleineren Probleme waren die neu eingerichteten Zimmer, genauso wie die netten Herbergsleiterinnen, die selbst dann noch sehr freundlich und nachsichtig reagierten, als innerhalb von zwei Tagen durch unsere Schuld zwei Eßtische zu Bruch gegangen waren.

Für die ein wenig dürftige Ernährung sollten die Organisatoren vom Wurzel e.V. aber nicht verantwortlich gemacht werden. Ich gebe zu bedenken, daß die gesamte Tagung inklusive Unterbringung, Verpflegung und Zugfahrt sage und schreibe nur 120 DM gekostet hat – zu diesem Preis kann man in manchen Hotels nicht mal eine Nacht verbringen. Es ist im Gegenteil wirklich erstaunlich, daß das Lager mit einer solch niedrigen Gebühr am Leben erhalten werden kann. Aber es ist fraglich, wie lange noch. Denn die Sponsoren des Wurzel-Vereins sind rar, die offiziellen Institutionen sehr knauserig bei der Geldvergabe. Es wäre schade, wenn es das Mathe-Lager eines Tages aufgrund des fehlenden schnöden Mammons nicht mehr gäbe. Doch vielleicht finden sich ja tatsächlich noch Einrichtungen, die bereit sind, etwas in die Förderung der zukünftigen mathematischen Elite zu investieren. Man kann nur darauf hoffen.

Das beste kommt bekanntlich immer zum Schluß. Deshalb möchte ich noch auf einige Ereignisse eingehen, die besonders prägend waren oder traditionell Höhepunkte einer jeden Tagung darstellen.

Allem voran ist ein Ereignis zu nennen, das ein absolutes Novum darstellte: die Stadtrallye. Was großartig klingt, stellte sich auch als solches heraus. So wurden wir Schüler eines schönen Tages unerwartet zusammengerufen, in Gruppen aufgeteilt und zogen los, um Antworten auf vorgegebene Fragen über die Stadt und deren Geschichte á la „Wie viele Ecken hat der Stadtbrunnen?” zu finden. Dabei bekam man Kontakt zur überwiegend freundlichen Bevölkerung Römhilds, und am Ende standen wir gar der Aufgabe gegenüber, ein gekochtes Ei zu erobern, indem wir den Bewohnern unsere Arbeitskraft für Tätigkeiten wie Hofkehren oder Kohlentragen anboten. Die nahmen alles relativ gefaßt und hilfsbereit auf, kannten ähnliche Aktionen vielleicht ja auch bereits von früheren Jugendherbergsbesuchern.

Der Abend eines jeden Tages wurde immer sehnlichst erwartet – und das nicht ohne Grund, denn fast täglich gab es ein besonderes Ereignis. Das Krimi-Spiel (eine Art „Cluedo” mit ganz vielen Personen) und zahlreiche Kartenspiel-Turniere könnt ihr selbst erleben, wenn ihr im nächsten Mathe-Lager mit von der Partie seit – es lohnt sich garantiert. Aber auf gar keinen Fall entgehen lassen solltet ihr euch sowohl das berühmte Berg- als auch das berüchtigte Abschlußfest. Ich will nicht alles verraten, aber soviel sei vorweggenommen: gemütliches Lagerfeuer mit Knüppelkuchen, viele neue und alte Gesellschaftsspiele, sehr viele Gummibären und sehr wenig Schlaf erwarten euch. Und wenn ihr noch nie etwas von „Zipp-Zapp-Boing” oder dem „verrückten Professor” gehört habt, seid ihr wirklich arm dran. Alte „MaLa-Hasen” können euch das bestätigen.

Wenn auch die Betreuer immer meinen, früher sei sowieso alles besser gewesen: Das stimmt nicht, wir werden in 4 Jahren garantiert dasselbe von der Frühlings-SAM '99 behaupten!

Martin Lyssenko, Jena


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